Gujarat – „it’s a remote area“ – lautete die Information, die wir vor unserer Reise erhielten. Und in manchen Regionen trifft das auch durchaus zu. An anderen Orten zeigt sich jedoch ein ganz anderes Bild. Wir trafen auf eine wirtschaftlich starke Region mit gut ausgebauten Straßen, lebhaften Städten und einem geschäftigen Alltag, der viele der bekannten Eindrücke Indiens widerspiegelt.

Was Gujarat jedoch besonders auszeichnet, ist seine touristische Ursprünglichkeit. Abseits der klassischen Reiserouten lassen sich Landschaften, Kultur und Begegnungen oft noch ohne große Besucherströme erleben. Genau darin liegt für mich der besondere Reiz dieser vielseitigen Region.

Unterwegs in Gujarat

Eigentlich nur eine kleine Randnotiz, für mich als leidenschaftliche Kaffeetrinkerin war es jedoch eine ungewohnte Erfahrung, dass Instantkaffee in Gujarat allgegenwärtig zu sein schien. Auch auf den belebenden Chai am frühen Morgen, warteten wir zunächst vergeblich. Auch das 7:00 Uhr angekündigte Frühstück verzögerte sich deutlich.

Auf den ersten Blick wirkten solche Momente wie kleine Unannehmlichkeiten. Doch schon am nächsten Morgen folgte das Kontrastprogramm. Das Frühstück war pünktlich fertig und umfasste eine Auswahl an indischen und europäischen Gerichten. Auch der Tee zur frühen Morgenstunde wurde serviert und dies sogar mit kleinen Keksen.

Offenbar ging man davon aus, dass internationale Gäste vor allem Toast und ein kontinentales Frühstück bevorzugen. Ganz falsch ist diese Annahme sicherlich nicht immer. Angesichts der Vielfalt an frisch zubereiteten Puri, Paratha und Sambar erwies sie sich für unsere kleine Reisegruppe jedoch als Fehleinschätzung.

Gujarat ist reich an Kultur, Tempeln und Geschichte.  Gleichzeitig beeindruckt der Bundesstaat mit einer überraschend vielfältigen Natur.  So bieten die Wüstenlandschaften im Nordosten zahlreichen Tierarten einen Lebensraum. So sind unter anderem Wildesel, Schakale, Wüstenfüchse und Wölfe zu entdecken. Dekorative Flamingos, Enten oder Kiebitze lassen das Herz der Vogelfreunde höherschlagen. Hier wirkte die Natur ursprünglich und nahezu unberührt. Sie bildete eine stille, fast einsame Kulisse und damit einen reizvollen Kontrast zu den geschäftigen Städten Gujarats.

In Erinnerung blieben vor allem auch die freundlichen Menschen. Die Begegungen fanden stets auf Augenhöhe statt. Mehrfach wurden wir interessiert angesprochen, mit einem unerwarteten Selbstbewusstsein auch gerade der Frauen. Hier wurde ein anderes Bild vermittelt, als es manche gängigen Vorstellungen über Indien vermuten lassen.

Wer Gujarat besucht, nimmt die Kultur, die Tierwelt und die imposanten Bauwerke als zusätzlichen Pluspunkt mit. Die Region lädt dazu ein, in ein Land voller Kontraste einzutauchen. Man genießt einen Tee am Straßenrand, tauscht sich mit Bauern über den Wert der zum Verkauf stehenden Kühe aus oder bestaunt die außergewöhnliche Fingerfertigkeit bei der Herstellung und Färbung von Stoffen und Saris. Letztlich ist es auch die besondere Atmosphäre der kunstvoll gestalteten Jain-Tempel die auf jeden Besucher wirkt.

Gerade diese vielfältigen Begegnungen und kleinen Momente machen den besonderen Reiz Gujarats aus.

Tierische Gebiete  in Gujarat

Drei Gebiete haben mich auf unserer Rundreise von/bis Ahmedabad über Dasada, Gondal, Sansagir, Palitana und Velvadar besonders berührt.

  • Der Little Rann of Kutch stellt eine außergewöhnliche Naturform in Indien dar. Das trockene, wüstenartige Gebiet, durchbrochen von Salzseen, zeichnet sich durch eine schier grenzenlose Weite aus. Die unerwartete Stille wird teilweise nur durch das lebhafte Geschnatter der Flamingos und Kiebitze gestört. Hier hätte ich gerne länger verweilt, um meine Gedanken in Raum und Zeit ohne Störung fließen zu lassen.
  • Eigentlich mehr als Zwischenstopp auf dem Rückweg geplant, entpuppte sich dann der Velvadar Blackbuck Nationalpark als wertvolles Kleinod der Reise. Die elegante, schwarz-weiß gezeichnete Hirschziegenantilope mit  den beinahe gedrechselt wirkenden Hörnern, ist die Hauptattraktion des Parks. Doch die Tierwelt Velavadars bietet weit mehr. Hier lassen sich Nilgau-Antilopen, Füchse, Hasen, Wildschweine und mit etwas Glück auch Wölfe beobachten. Ein besonders charmantes Erlebnis bot eine Rohrkatze, die sich für einen kurzen Moment in einem Baum in Lodge Nähe zeigte, bevor sie wieder im Sumpfgebiet auf dem Gelände verschwand. Solche unerwarteten Begegnungen sind es, die eine Reise bereichern und lange in Erinnerung bleiben.

Die Blackbuck Lodge allein, wäre schon eine Reise wert. Am Morgen machte sich der Koch mit Korb und Schere auf den Weg in den hauseigenen Garten, um frisches Gemüse für die abendlichen Gerichte zu ernten. Das Dinner war dabei ein besonderes kulinarisches Erlebnis und überzeugte durch die frische Zubereitung und die Vielfalt der Aromen. Die geräumigen Steinchalets der Lodge haben eine Außendusche und eine tiefer gelegene Badewanne. Ein gemütlich eingerichteter Zeltpavillon dient als Lounge, mit Blick über ein kleines Sumpfbiotop.

Kulturelle Höhepunkte in Gujarat

Die Stadt Palitana ist eine der wichtigsten Pilgerstätten für Anhänger des Jainismus. Sie ist geprägt durch eine auf den Berghügeln von Shatrunjaya errichtete riesige Tempelanlage.  Circa 800 fast surreal wirkende Bauwerke aus reich verziertem, weißem Marmor und braunem Sandstein formen den Komplex.  Wer den Aufstieg über 4000 Stufen in ca. 2 Std. bewältigen will, muss gut zu Fuß sein und sollte früh morgens starten. Wir trafen Schülerinnen aus Mumbai, die diese Mammuttour 3 x am Tag absolvierten. Es lohnt sich aber auch, sich nur die hübsche Stadt selbst anzusehen. Ein Straßenbild mit Geschäften, Bürgersteigen und anmutigen Häusern lädt zum Bummeln und Verweilen ein.

Dazu passend erwies sich die Unterkunft im Vijay Vilas Palace als eine wunderbare Ergänzung. Bereits Lord Mountbatten soll hier genächtigt haben. Der kleine, privat geführte Palast mit langer Familientradition bietet seinen Gästen eine angenehm persönliche Atmosphäre mit liebevoll eingerichteten Zimmern. Wer Hunde mag, findet zudem schnell einen vierbeinigen Begleiter im charmanten Hausdackel. Auch ein Spaziergang durch die umliegenden Felder lohnt sich. Neben der Ruhe der ländlichen Umgebung eröffnen sich immer wieder schöne Fotomotive und authentische Einblicke in den Alltag Gujarats.

Ein weiteres Highlight war sicherlich auch die antike Stätte Pavagadh unweit von Vadodara. Kaum zu glauben in einem Land mit über 1 Milliarde Einwohnern, aber wir waren allein beim Durchstreifen und Erkunden. So macht Sightseeing Spaß. Freie Sicht für Fotos und Raum um die Ausstrahlung der historischen Gebäude aufzunehmen. Die teils noch sehr gut erhaltenen Ruinen der ehemaligen hinduistischen Hauptstadt aus dem 16. Jhd. sind ein UNESCO Weltkulturerbe.

Gujarat ist ein sehr authentisches Ziel in Indien, von rustikaler Schönheit, überwältigender Gastfreundschaft und religiöser Verbundenheit. Jeder, der aufgeschlossen hierherkommt, kann etwas für sich finden und mitnehmen.  Ich werde der Region sicher nochmals einen Besuch abstatten und dabei den Schwerpunkt auf Bhuj und den Great Rann of Kutch legen.

Wildesel, Gujarat

Wildesel, Gujarat

 

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Über den Autor: Claudia Behlert

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Die Tierärztin Dr. Claudia Behlert machte aus ihrer Passion für das Reisen eine Agentur für Individualtourismus. Bei eigenen Touren besuchte Sie 6 Kontinente. Sie lebte in Europa & Asien. In ihren Blogbeiträgen teilt sie ihre Erfahrungen.

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